4321…meins!

Wenn Bücher mit Büchern sprechen… ist eine dieser speziellen Wahrnehmungen des Archibald Ferguson, die mir so gut gefallen haben. Bücher unterhalten sich in seinem Kopf mit Büchern. Er hat diese Empfindung zum ersten Mal beim Lesen der ersten Seite von »Der Fänger im Roggen« von J. D. Salinger. Allerdings kann ich nun nicht mehr sagen, welcher der vier Fergusons darüber nachgedacht hat, denn ich habe es leider vergessen. Und kann es auch nichtmehr nachschlagen. Es wäre purer Zufall, wenn ich genau diese Stelle zwischen all den Seiten wiederfinden würde.

Beim Lesen von Paul Austers Opus magnum, von dem er sagt, er habe sein ganzes Leben darauf gewartet, dieses Buch zu schreiben, habe ich ein tiefes Glück empfunden, mitzuerleben, wie wundervoll dieses außergewöhnliche und originelle Buchkonzept aufgeht. Anfangs hat es mich ein wenig an »Die Möglichkeit einer Insel« von Michel Houellebecq erinnert, in dem sich die Perspektiven zweier Protagonisten abwechseln: Daniel 24 ist ein Klon des Daniel 1, und es liegen 2000 Jahre zwischen ihnen, wenn Daniel 24 das Tagebuch von Daniel 1 liest.

Hier nun ein Roman, der viermal das Leben des Archibald Ferguson erzählt. Er liest sich wie ein Musikstück, das viermal die tragende Melodie in anderer Tonart variiert. Die Lebensmelodie des Archibald Ferguson klingt viermal überraschend anders. Dennoch fügen sich alle vier Teile zu einem fulminanten Gesamtwerk zusammen, da in allen Variationen die prägnantesten Motive wiederkehren, in diesem Fall also Orte, Menschen, Geschehnisse und Charaktereigenschaften, die immer wieder aufs Neue miteinander kunstvoll variiert und verwoben sind. Als spielte der Schriftsteller an einer Hammond Orgel und modulierte behutsam seine Komposition, damit sich mal der eine dann der andere Charakterzug von Archibald ausbildet, zum klingen kommt, um mit seinem Umfeld immer ein wenig anders zu interagieren.

So liest man also viermal die Kleinkindzeit, dann viermal in Folge die ersten Schuljahre und so weiter, und jedesmal erfährt man eine kleine, manchmal große Abwandlung von Archibald Fergusons Leben. Mal ziehen die Eltern in die eine Kleinstadt, dann in eine andere, mal fällt der kleine Archibald vom Baum, bricht sich das Bein, und während er den ganzen Sommer liegen muss, denkt er darüber nach, was passiert wäre, wenn seine Eltern in eine andere Kleinstadt, in ein anderes Haus gezogen wären, in dessen Garten eben kein Baum gestanden hätte von dem er hätte fallen und sich das Bein brechen können… Dann rennt ein fast jugendlicher Archibald im Ferienlager übermütig kreischend durch den Regen in den Sturm hinaus, fühlt sich frei und glücklich, so glücklich, sein Leben noch vor sich zu haben, als der Blitz in eine Baumgruppe fährt und er von einem Ast erschlagen wird. Dann läuft der Roman nur noch mit drei Fergusons weiter.

Zunächst hatte ich befürchtet, beim Eintauchen in die vier verschiedenen Lebensmöglichkeiten den jeweiligen Faden zu verlieren und vielleicht nicht mehr in der Lage zu sein, genau zuzuordnen, was welchem Ferguson im vorherigen Lebensabschnitt passiert ist, aber dem war nicht so. Ich habe mich in diesen Roman wunderbar fallen lassen können und wurde immer wieder durch kleinere, geschickt gestreute Erinnerungen in der Erzählung sanft aufgefangen, sodass mir schnell wieder einfiel, mit welchem der vier ich die Ehre hatte. Mal stirbt der Vater und Ferguson und seine Mutter ziehen nach New York, mal lassen sich die Eltern scheiden und der Vater entfernt sich aus ihrem Leben und sie bilden eine neue Patchworkfamilie. So wird Amy mal Fergusons Stiefschwester, mal seine Freundin, mal bleibt sie seine unerfüllte Liebe. Dass die Menschen, die um Archibald einen Personenkreis bilden, bis auf wenige Ausnahmen in fast jeder Biografievariation anwesend sind, aber nur eben verschieden starke Verbindungen zu ihm aufbauen und auch untereinander entwickeln, hat einen überaus großen Unterhaltungswert, wie auch das Glück und manchmal auch das Pech der anderen Figuren mitzuverfolgen. Mal geht der Vater pleite, mal wird er steinreich, mal wird die Mutter eine bekannte Fotografin, mal gibt sie ihr kleines Fotostudio auf…

In Austers Roman scheint es mir jedoch nicht nur um den viel zitierten Zufall zu gehen, sondern auch um das Vergessen. In der Eingangsszene wird von Archibalds Großvater erzählt, der als russischer Jude nach Amerika kommt und ihm ein Mitreisender rät, sich Rockefeller zu nennen, wenn er gefragt würde. Und als er dann an der Reihe ist, ist ihm der Name schon entfallen, und er schlägt sich auf die Stirn und stammelt »I hob vargessen!« So bekommt er den Namen Ferguson, der das Vergessen schon in sich birgt.

Wie auch in diesem Roman, verlieren einzelne Ereignisse durch das Vergessen an Relevanz, in der Erinnerung verschwimmt ein Leben zusammen mit all den Möglichkeiten, die es hätte haben können, zu einem einzigen. So werden ja auch wir auf unserem Schicksalsweg immer auch ein wenig von unseren anderen Ichs begleitet, die wir hätten sein können, wenn wir uns irgendwann anders entschieden hätten. Aber das wirklich Schöne ist doch die Erkenntnis, dass wir, egal was uns zustößt, im Kern immer dieselben bleiben.

Wenn Bücher mit Büchern sprechen… Natürlich ist die Literatur das zentrale Thema von 4321, Archibald Ferguson ist introvertiert, liebt das Alleinsein und denkt sehr viel über das Leben nach. Mit all seinen Facetten ist er mir schnell ans Herz gewachsen, und besonders der adoleszente Archibald hat mich immer wieder an Marcel, den Protagonisten von Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« denken lassen. Und Archi liest sich durch den Kanon der Weltliteratur und entwickelt eine Schwäche für französische Literaten. Er liest sie alle – außer Proust und wird Journalist oder Lyriker und eine Ausgabe von ihm darf sogar in Paris bei einer Freundin seiner berühmten Fotografenmutter leben und einen Roman schreiben. Für seine Gedichte, die er aus dem Französischen übersetzt, findet er – der Lyriker – durch Freunde in New York einen kleinen Verlag, und für den Einband wählt er die Farbe Mauve. Mauve? Ist das nicht die Lieblingsfarbe von Marcel? Allerdings ist in Prousts Roman das zentrale Thema das Erinnern, nicht das Vergessen.

4321 muss man als literarisches Gesamtkunstwerk begreifen, das einen absichtlich verwirren möchte, sodass man tatsächlich vergisst, welcher Ferguson welcher ist. Aber dafür sieht man den einen: Paul Auster hat sich in diesem geistreichen Gedankenspiel viermal selbst reproduziert, denn ist es nicht so, dass sich in den Romanfiguren das Ich eines Schriftstellers viel deutlicher zeigt und schöner zum Klingen kommt als in der Realität?

Auf den letzten Seiten angelangt, las ich mit Gänsehaut, wie die Idee für den Roman nun wirklich zustande gekommen ist; sie basiert auf einen alten jüdischen Witz. Und die Geschichte findet wieder zum Anfang, wenn Archibald Ferguson beschließt, nach Paris zu reisen und genau diesen Roman über vier Fergusons zu schreiben.

Und als er am 25. August 1975 das letzte Wort schrieb, hatte das Manuskript einen Umfang von eintausendeinhundertdreiunddreißig Seiten mit doppeltem Zeilenabstand.

Da bekommt man direkt Lust, das Buch noch einmal von vorne zu lesen!

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