Wie Sterne aus der Verlorenen Zeit

Als ich mich auf die Suche nach der Verlorenen Zeit begab und im ersten Band, Unterwegs zu Swann, in die Beschreibung einer französischen Landschaft eintauchte und dabei die Seerosenbilder von Claude Monet, die ich 2004 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin als Leihgabe des MoMa sehen durfte, in ihrer schillernden Klarheit vor Augen hatte, berührte es mich sehr, als ich im Anhang las, dass sich Marcel Proust genau an dieser Stelle (Seite 248, Taschenbuchausgabe Suhrkamp) tatsächlich auf Monets Nymphéas bezieht.

Als fleißige Fußnotenleserin spürte ich noch viele weitere Gemälde in Prousts Romanwelt auf und suchte sie mir im Internet zusammen oder besuchte das Mauritshuis in den Haag, um das kleine gelbe Mauerstück in Vermeers Ansicht von Delft zu suchen.
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Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung, 24. Dezember 1996
Auf der Suche nach dem gelben Mauerstück

Wie Marcel Proust bei Vermeer etwas sah, das gar nicht da ist

Das kleine gelbe Mauerstück nämlich ist für Bergotte und dessen Autor nichts anderes als die Vollkommenheit selbst: jene Vollkommenheit in der Darstellung irgendeiner scheinbar belanglosen Einzelheit dieser Welt, neben der alles andere nichtig wird, auch das eigene Werk.

von Dieter E. Zimmer

Meine Lesereise 2017

Black Out in New York – Spaß mit vier Archies – Herz verloren in Fuseta – verstaubtes Antiquariat in Lissabon – spartanisches Flächenland – luxuriöses Landhaus bei Paris – unheimliche Rundreise durch Neuengland: Arkham, Dunwich, Innsmouth, Kingsport – Besuch bei Monsieur Mélancolie in Paris – seltsame Kneipentour mit einsamen Männern durch Tokio – wohlverdientes Schaumbad

Das Jahr fing gut an mit einem Black Out in New York. Zum großen Stromausfall 1977 sah ich gleich mehrere schillernde Schicksale zusammenlaufen, nebenbei habe ich viel über die traditionelle Produktion von Feuerwerkskörpern in Italien erfahren. Dann die Begegnung mit vier Archibald Fergusons, ebenfalls in New York, sie sind mir auf meiner Lesereise, sogar in die 50er Jahre, auf Anhieb alle sehr ans Herz gewachsen.

Zur Urlaubszeit fuhr ich nach Portugal und traf Leander Lost, Weiterlesen

Kunstwerk der Imagination

Geräusche übertönen Geräusche. Bilder überblenden Bilder.

Lovecrafts Welt, ein mit Liebe kunstvoll verwobenes Netzwerk einzigartiger Novellen und Erzählungen, hält für den mutigen Leser einen unerschöpflichen Reichtum lebendiger Imagination bereit. Seltsam und selten, ungewöhnlich und unheimlich, verspielt und visionär. Vergnügliche Verknüpfungen sichtbarer und unsichtbarer Dinge. Das ist die Faszination des Unfassbaren, der Fantasie und Fantastik.

Die Geschichten des Cthulhu-Mythos in beiden Bänden sind so angelegt, dass sie in entsprechender Atmosphäre, also bei gedimmtem Licht und Grabesstille (oder für ängstliche Gemüter bei gleißender Sonne am Pool), Weiterlesen

4321…meins!

Wenn Bücher mit Büchern sprechen… ist eine dieser speziellen Wahrnehmungen des Archibald Ferguson, die mir so gut gefallen haben. Bücher unterhalten sich in seinem Kopf mit Büchern. Er hat diese Empfindung zum ersten Mal beim Lesen der ersten Seite von »Der Fänger im Roggen« von J. D. Salinger. Allerdings kann ich nun nicht mehr sagen, welcher der vier Fergusons darüber nachgedacht hat, denn ich habe es leider vergessen. Und kann es auch nichtmehr nachschlagen. Es wäre purer Zufall, wenn ich genau diese Stelle zwischen all den Seiten wiederfinden würde.

Beim Lesen von Paul Austers Opus magnum, von dem er sagt, er habe sein ganzes Leben darauf gewartet, dieses Buch zu schreiben, Weiterlesen

ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE, 2. Februar 2017
Die Seele ist ein Schmetterling

Ist im Leben alles durch den Charakter vorherbestimmt, oder waltet in allem nur der Zufall? In seinem großen Roman „4 3 2 1“ versucht Paul Auster die Frage experimentell zu beantworten, indem er vier verschiedene Biografien von Archie Ferguson erzählt.

Denn eigentümlicherweise hat man es bei Archie trotz der unterschiedlichen Ausfaltungen seiner Anlagen immer – jetzt wird’s metaphysisch – mit ein und derselben Seele zu tun.

von Adam Soboczynski

CITY ON FIRE

Im Sommer bin ich über ein Interview mit Garth Risk Hallberg im ZEITmagazin gestolpert und die Tatsache, dass er zwei Millionen Dollar Vorschuss für sein tausendseitiges Debüt CITY ON FIRE bekam, machte mich neugierig, es zu lesen. Außerdem wollte ich immer mal nach New York, warum die Lesereise also nicht gleich mit einer Zeitreise in die 70er Jahre verbinden? Ich habe es auf Englisch gelesen.

Wie Hallberg mit der Zeit als erzählerisches Stilmittel umgeht, hat mir ganz besonders gut gefallen.
Es sind neun Protagonisten, deren Schicksale auf wunderliche Weise rund um ein Kriminalgeschehen im Kessel New Yorks verwoben sind, Weiterlesen