Meine Lesereise 2017

Black Out in New York – Spaß mit vier Archies – Herz verloren in Fuseta – verstaubtes Antiquariat in Lissabon – spartanisches Flächenland – luxuriöses Landhaus bei Paris – unheimliche Rundreise durch Neuengland: Arkham, Dunwich, Innsmouth, Kingsport – Besuch bei Monsieur Mélancolie in Paris – seltsame Kneipentour mit einsamen Männern durch Tokio – wohlverdientes Schaumbad

Das Jahr fing ja gut an mit einem Black Out in New York. Zum großen Stromausfall 1977 sah ich gleich mehrere schillernde Schicksale zusammenlaufen und habe nebenbei viel über die traditionelle Produktion von Feuerwerkskörpern in Italien erfahren. Dann die Begegnung mit vier Archibald Fergusons, ebenfalls in New York. Sie sind mir auf meiner Lesereise, sogar bis in die 50er Jahre, auf Anhieb alle sehr ans Herz gewachsen.

Zur Urlaubszeit fuhr ich nach Portugal und traf Leander Lost. Der Kommissar mit Asperger-Syndrom ist ein so wunderlich komischer, ganz besonders liebenswerter Mann, der zu meiner Überraschung nicht lügen und zur Irritation seines Umfeldes über keine Witze lachen kann. Sein bemerkenswert fotografisches Gedächtnis trug schon bald zur Aufklärung unseres Falls im sonnigen Fuseta bei. Da ich nun schonmal in Portugal weilte, wurde ich gleich noch nach Lissabon zu einem Besuch in ein staubiges Antiquariat mit allerhand schrägem Dekokram eingeladen, das der Hamburger Kommissar Henrik Falkner kurz zuvor von seinem Onkel Luis Sellano geerbt hatte. Beim Aufräumen fanden wir Dinge, die uns zu fast vergessenen Verbrechen führten. – Zwei wirklich atemlos spannende Städtetrips durch mein geliebtes Lissabon. Diese sehr im Trend liegenden Portugal-Krimis sind übrigens alle aus der Feder deutscher Autoren mit portugiesischem Pseudonym.

Dann war ich mit meinem neunjährigen Sohn im Flächenland unterwegs, und wir staunten nicht schlecht über das Leben und die Wahrnehmung geometrischer Figuren in den verschiedenen Dimensionen. Ein Punkt im Punktland sieht nur sich selbst. Striche werden, von vorne betrachtet, als Punkte erkannt, und Kreise, Quadrate, Fünf- und Sechsecke nehmen sich gegenseitig nur als Striche wahr. Im Flächenland kann niemand über sich und die anderen hinwegsehen. Welche Dimensionen übersehen wir?

Ähnlich wie dem Punkt im Punktland ergeht es in Gegen den Strich Jean Floressas Des Esseintes, den ich in seinem dekadenten Landhaus zwecks literarischen Austauschs besucht habe. Nachdem ich Unterwerfung von Michel Houellebecq gelesen hatte, in dem ein Literaturprofessor auf Joris Huysmans spezialisiert ist, wollte ich den immer mal kennenlernen. So habe ich mit Des Esseintes, der seine bis auf die Spitze sensibilisierten Sinne mit allen nur erdenklichen ästhetischen Mitteln zu befriedigen versucht – ich traf womöglich nur noch auf eine Essenz seiner selbst – sehr gelacht. Er zeigte mir seine Orchideensammlung, die hat mich schwer beeindruckt.

Aufmerksamen Houellebecq-Lesern wird seine Liebe zu Lovecraft nicht entgangen sein. Seinen ersten Essay Gegen die Welt, gegen das Leben, in dem er sich intensiv mit dessen Werk auseinandersetzt, hatte ich mir aufgespart, bis ich Lovecraft auf meiner berauschenden Rundreise durch Neuengland endlich selbst begegnet bin. Seine schon fast hundert Jahre alten fantastischen Welten sind so unheimlich schön, anregend imaginär und originell! Und als ich Monsieur Mélancolies Meinung hörte, Lovecraft habe auf Hass geschrieben, stritten wir uns heftig und duellierten uns mit Baguettes. Lovecraft wird seine Literatur und die Freiheit der Fantastik sehr geliebt haben, wie kann er da gleichzeitig welt- und lebensverneinend gewesen sein? Unmöglich.

Meine anschließende Tour durch Haruki Murakamis Kneipen war leider etwas enttäuschend. Kein Wunder, dass diese Männer keine Frauen haben. Zur Erholung nahm ich mir ein surreales Schaumbad. So endete meine Lesereise 2017 mit einer Lieblingsstelle im Schaum der Tage:

Sie lachte wieder, blickte ihn an und musste von Neuem lachen.
»Sie machen sich über mich lustig«, sagte Colin traurig. »Das ist nicht nett.«
»Freuen Sie sich, mich zu sehen?«, fragte Chloé.
»O ja«, sagte Colin.
Sie gingen nebeneinander und folgten dem nächstbesten Bürgersteig. Eine kleine rosa Wolke schwebte auf sie zu.
»Soll ich kommen?«, fragte sie.
»Komm nur«, sagte Colin.
Und die Wolke hüllte sie ein. In ihrem Innern war es warm, und es roch nach Zimt und Zucker.

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